Ohne Rüstung auf der Seele

Wieso tue ich das? Warum setze ich mich einem öffentlichen Publikum aus, stelle mich der Bewertung völlig fremder. Wieso gehe ich das Risiko ein, dass ich Ablehnung, Spott oder Ausgrenzung aufgrund meiner Krankheit erfahre. Ist das nicht gefährlich für mich, mal angenommen ich sage die Wahrheit – denn glauben muss mir ja niemand, nur weil es im Internet steht, korrekt? Also, Butter bei die Fische, wie man im Norden sagt: Was soll das?

Das kann ich beantworten, denn dieser Antwort liegt der gesamte Blog zugrunde. Dieser Artikel kam zustande, weil mein Webmaster und guter Freund Björn etwas gesagt hat, was es gut trifft, weil ich vor längerer Zeit einen Artikel im Stern oder so gelesen habe, dem ich nicht zustimmen kann. Weil ich immer das Gefühl habe, dass ich mich nicht gut genug erkläre, es manchmal schwierig sein könnte mir zu folgen.

Stigma Management

In dem Artikel ging es darum, ob man als depressiver offen mit seiner Krankheit umgehen sollte und wenn ja, in welchen Situationen und wann besser nicht. Dabei ist ein Stichwort gefallen, was ich verstehe, welches nicht völlig falsch ist, ich aber verabscheue. Stigma-Management. Das bedeutet, dass man kontrolliert, wer welche Informationen über einen selbst hat, insbesondere, wenn man etwas an sich hat, was im sozialen Umfeld als negativ bewertet wird. Ob das die sexuelle Ausrichtung ist, eine Krankheit, eine Missbildung, Behinderung oder was auch immer. Dazu gehören psychische Krankheiten. Wie meine Depression. Stigma Management meint, dass es gut ist, selbst darüber zu entscheiden, wem ich welche Information gebe, damit ich keine Repressalien, Spott oder anderweitigen Nachteile erfahre. Aber das habe ich so satt. Ich habe eine Krankheit, nichts weiter. Wieso muss ich für andere Menschen mitdenken nur, damit die keinen Müll von sich geben? Nur weil ich klüger bin, weil sie nun einmal so sind, weil man nichts ändern kann? Ihr könnt mich mal kreuzweise, um es deutlich zu sagen. Ich bezahle einen hohen Preis für meine Offenheit, einen, den niemand außer mir auch nur begreifen könnte. Einen, den die meisten gesunden Menschen im Leben nicht bereit wären zu bezahlen. Ich tue das nicht, um dann gemieden zu werden. Ich tue das, damit ihr die ekelige Wahrheit über diese Krankheit nicht leugnen könnt. Damit ihr euch mit eurem Gewissen auseinandersetzen müsst. Damit ihr nicht wegschauen könnt. Und das gilt nicht nur für meine Krankheit. Das gilt nicht einmal nur für psychische Erkrankungen. Es muss enden, dass wir mit absichtlichen Scheuklappen herumlaufen und die vermeintlich Schwächeren unter die Räder kommen lassen, nur damit der Kelch an uns vorbeigeht. Schluss damit, sage ich.

Nicht ich bin es, der umsichtig sein muss. Nicht ich bin es, der Buch führen muss, was er über sich selbst mitteilt. Du bist es. Du hast eine Verantwortung gegenüber deinen Mitmenschen, der du dich vielleicht schon dein ganzes Leben lang entziehst. Vielleicht denkst du, dass du ein echtes Vorzeigeexemplar bist, das keine Fehler macht, dass du immer nett und freundlich und umsichtig mit deinen Mitmenschen umgehst. Bullshit. Ich bin fast zu müde, um es zu erklären, aber hier kommt es noch einmal: Wir machen alle Fehler. Das ist nicht schlimm. Wir trampeln alle schon einmal auf Mitmenschen herum, wollen nicht verlieren, nicht draufzahlen, das ist völlig normal. Aber hör gefälligst damit auf dich dumm zu stellen. Hör damit auf, die Verantwortung von dir zu schieben, auf andere zu zeigen oder ratlos den Kopf zu schütteln. Es wird immer geschimpft, wie kalt die Gesellschaft doch ist. Du bist diese Kälte. Jeder von uns ist sie. Es ist nur wichtig, dass wir das endlich anerkennen und uns alle öfter einmal am Riemen reißen, hin und wieder mal über unseren Schatten springen und Zivilcourage zeigen. Selbst wenn du echt dämlich bist, gestört im Kopf, oder nichts Kluges weißt – du hast Arme. Manchmal reicht es, einen hinzuhalten oder jemanden damit zu umschließen, ohne was zu sagen. Das nächste Mal lässt du die Person nicht links liegen und nach dir die Sintflut. Nächstes Mal zeigst du, dass du auch nur ein menschliches Wesen bist. Danach sei wieder ein Ellenbogenmensch, sei ein Arschloch, sei verachtenswert. Aber erinnere dich ab und zu mal und nimm jemanden in den Arm.

Verantwortlichkeit

Ich bin es leid Stigma Management zu führen – obwohl ich es tue und mir völlig klar ist, dass mein kleiner, wütender Blog meilenweit davon entfernt ist unsere Realität dahingehend zu ändern, dass ich es nicht mehr müsste. Aber sowas hat mich nie aufgehalten. Du hast in diesem Blog gelesen – und damit hat mein Gedankengift dich längst erreicht. Ob du willst, oder nicht – meine Worte bewirken etwas bei dir. Du gehörst schon mir, du kannst dich nicht mehr herausreden. Also lass den Versuch bitte sein. Die Einzigen, die entschuldigt sind, sind die völlig ohne Gewissen und Verstand. Aber selbst die kennen den moralischen Kompass unserer Gesellschaft und wissen, dass sie sich irgendwann zu verantworten haben.

Ich weiß, was ich verlange, ist anstrengend. Aber darf ich dir die Gegenfrage stellen, was du glaubst, wie es für mich, für uns Betroffenen ist? Viele von denen haben den Kampf nicht gewonnen. Ich könnte hier prominente Namen schreiben, aber damit ist niemandem geholfen, es ist eine Verschiebung des Stigmas auf eine Gruppe von Menschen, mit denen man eh nichts zu tun hat. Da kann man sich fein zurücklehnen, ein Taschentuch zücken und Mitgefühl heucheln. Aber es kann dein Bruder sein, deine Mutter, dein Kind, dein Opa. Du siehst es uns nicht an, das darf ich dir garantieren. Wenn ich nicht will, dass mir jemand etwas ansieht, dann kann ich sogar langjährige Freunde, Familie und meine Freundin täuschen. Mach dir keine Illusionen, wir sind überall. Schau dir mal diese Schätzzahl an: Zwischen dem Lebensalter von 18 und 79 geht man von 5.3 Millionen Menschen mit depressiven Episoden in Deutschland aus. Nur Depressive. Nur Deutschland. Und da gibt es so viele Gruppen mehr, für die die gleichen Worte gelten sollten: homosexuelle Menschen, behinderte Menschen, an Aids erkrankte Menschen und, und, und. Und oft sind es Menschen außerhalb solcher Gruppen, die ihr Gewissen vergessen haben. Sicher, es kommt zurück, wenn sie selbst betroffen sind. Schäm dich!

Zurück auf Anfang – was soll das? Ist das nicht gefährlich?

Ich klatsche dir hier eine so ungeschminkte Wahrheit, wie nur irgend möglich, ins Gesicht, weil ich dich damit wecke. Weil du das nicht ignorieren kannst, weil ich dir nicht erlaube es zu ignorieren. Wenn du bis zu dieser Stelle gelesen hast, ist es schon zu spät. Ich nehme dich persönlich in die Verantwortung, denn es ist nicht meine Pflicht vorsichtig zu erkunden, ob du die Wahrheit über mich ertragen kannst, ob du mich als Mitmenschen akzeptieren kannst und mich anständig behandelst. Es ist nicht meine Pflicht. Es ist deine verfluchte Pflicht, dich wie ein anständiger Mensch zu benehmen. Tu ruhig so, als ob es nicht so wäre. Aber du bist ein Bruder, eine Schwester, ein Vater, eine Mutter, hast Eltern, Verwandte, Freunde.

Natürlich ist das gefährlich für mich. Ich leide an einer potenziell tödlichen Krankheit, um das Mal möglichst objektiv zu formulieren. Ich bin dadurch angreifbar, verletzbar. Aber jemand muss es tun. Und wenn ich jemand sage, dann meine ich dich. Aber auch mich. Wenn wir alle nur ducken, wenn wir alle nur immer wegschauen, wenn wir alle nur immer auf unseren eigenen Vorteil bedacht sind, dann töten wir unsere Gemeinschaft. Sie verkommt und letztendlich wird es dann nur ein Glücksfaktor sein, der bestimmt, wer unter die Räder kommt. Darauf will ich mich aber nicht verlassen, ich habe da so meine eigene Einstellung zum Thema Glück.

Mach schon, wenn ich das ohne Netz und doppelten Boden kann, dann du doch schon längst!

Dein Hautloser

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